Der Rebbau anno 1799

in Zürich-Unterstrass

 

 

An den Ausfallstrassen Zürichs nach Schaffhausen und Winterthur entstanden die bis im Jahr 1893 selbständigen Gemeinden Unterstrass und Oberstrass. Die Gemeinde Unterstrass gliederte sich in zwei ungleiche Flächen: Die tiefer gelegenen, steilen Hänge gegen den Fluss Limmat waren mit Reben bepflanzt, die flacheren Gebiete des oberen Teils waren Äcker und Wiesen. In Unterstrass lebten 1799 nur 365, in der Stadt Zürich damals rund 10'000 Einwohner.

Im Jahr 1801 betrug die Rebfläche von Unterstrass 24,1 ha. Der Wein konnte wie Korn gelagert und gehandelt werden und diente als Zahlungsmittel. Grundzinsen und auch die Besoldung von städtischen Beamten wurden weitgehend mit Wein und Korn abgegolten.

Der Rebbau ergab auf der gleichen Fläche höhere Erträge als der Ackerbau. Nach dem Steuerinventar der damaligen helvetischen Regierung war der Durchschnittspreis für eine Jucharte Rebland in Unterstrass 1336 alte Franken, während für das Ackerland nur 401 Franken berechnet wurden. Es ist verständlich, dass bei Erbteilungen niemand auf Rebland verzichten wollte. So entstanden kleine Parzellen mit einer durchschnittlichen Grösse von 1,2 Jucharten.

Von den 88 Grundeigentümern in Unterstrass besassen deren fünfzig Reben und etwas Acker- und Wiesland. Es gab keine reinen Rebbetriebe, denn für die zu dieser Zeit übliche Selbstversorgung waren alle auch auf Acker- und Wiesland angewiesen.

Nicht so die reichen Stadtbürger. An den besonnten Hängen gegen die Limmat besassen einflussreiche Stadtzürcher die grössten Land- und Rebgüter, so beispielsweise David Hess, Beckenhof mit 6 1/4 Jucharten (umgerechnet 1,8 ha) und der Gerichtsherr Orell mit 4 1/4 Jucharten.

Während des "ancien Régime" pressten die Zürcher Ämter die Zehntenweine in ihren städtischen Trotten. Nur wenige Weinbauern besassen eine eigene Einrichtung. Prunkstück des Weinbaumuseums auf der Halbinsel Au bei Zürich ist eine alte Trotte, die fast das ganze Erdgeschoss einnimmt. Ein Besuch ist empfehlenswert.

Nachdem sich nach 1798 die rechtlichen Verhältnisse grundlegend geändert hatten, begannen immer mehr Betriebe selber zu pressen. Nach der helvetischen Statistik von 1801 standen in Unterstrass acht Trotten im Gebrauch, elf Jahre später waren es schon dreissig.

Als nach dem Jahr 1830 zahlreiche Fabriken am Ufer der Limmat gebaut wurden, entstanden zuerst an den Ausfallstrassen, dann auch an den Abhängen Wohnsiedlungen für die Arbeiter. Das Rebland wurde zu Bauland. Heute erinnern nur noch Strassennamen wie "Weinbergstrasse" und "Weinbergfussweg" an den Rebbau in diesem Gebiet.  

(Teilweise aus dem Beitrag "Rebbau und Trotten in Zürich-Unterstrass" von Elisabeth und Samuel Wyden-Leemann, erschienen in der SZOW Nr. 18/03).