Der Weinpatron St. Urban

 

 

Neben den lokalen und regionalen Weinpatronen gilt Sankt Urban als der eigentliche Schutzpatron des Weinstocks wie auch des Winzers. Die mittelalterlichen Legendensammlungen schweigen sich jedoch über eine Beziehung Papst Urban I. - Pontifikat von 231 bis 230 - zum Wein aus. In einer späteren Folge von Papstviten heißt es lediglich, dass Urban als erster alle heiligen Gefäße aus Silber machen ließ.  

Wohl deshalb auch verfochten seit dem 16. Jahrhundert kritische Kirchenhistoriker die These, dass der eigentliche Weinpatron der Bischof Urban von Langres (Burgund) gewesen sei, dessen Kult dann fälschlicherweise auf den Papst Urban übertragen worden sei. Von diesem um das Jahr 450 verstorbenen Bischof sind  einige ”Wunder” überliefert, darunter auch, dass man ihn vor Unwettern bei der Weinlese angerufen habe.

Mit den Humanisten und Reformatoren gab es einen neuen Interpretationsversuch. So erklärte der mit Melanchthon befreundete Johannes Agricola

”Sankt Urban wird von den Franken dafür gehalten als die Heiden etwa Bacchum hielten...”

Eine einleuchtendere Erklärung für den Urbanskult findet man dagegen im Mittelalter geltenden Recht. Sankt Urban steht unterm 25. Mai im Heiligenkalender. Zu dieser Zeit ist die Frühjahrsarbeit in den Reben beendet, die Vegetationszeit hat begonnen. Jedoch ist das austreibende Grün noch von Spätfrösten bedroht.

Und jetzt der Bezug zum mittelalterlichen Recht - dieses sprach den Ertrag eines Ackers dem zu, der das Feld bis zur Aussaat bestellt hatte. Das galt gleichermaßen auch für den ”Wingert” (Weinberg). Als Lostag galt der Sommeranfang - im Heiligenkalender begann der Sommer  mit Sankt Urban am 25. Mai (”Sankt Urban bringt uns den Sommer”).

Im bekannten Landrecht des Sachsenspiegels (um 1222) finden wir hierzu angeführt: ”Am Sankt Urban sind Weingarten- und Baumgartenzehnt verdient.” Damit war seit dieser Zeit der ”Urbanstag” als Sommerbeginn und Rechtstermin ein für die Landwirtschaft wichtiges Datum.  

Der Urbanskult begann mit Flurprozessionen und Bittgebeten für das Gedeihen der Reben. Schon 1251 finden wir einer Bulle des Papstes Innozenz IV. einen vierzehntägigen Ablass für die Teilnehmer an einer Urbansprozession im Elsass. Danach häufen sich die schriftlichen Quellen. Darunter finden wir außer Prozessionen auch Schmausereien, Kinderfeste und Heischebräuche, aber auch Bruderschaften im Zeichen Sankt Urbans. Zentrum dieses Kultes war die um 850 gegründete Frauenabtei Erstein im Elsass.

Früheste bildliche Darstellungen stellen Sankt Urban mit den bäuerlichen Attributen Rebstock, Traube und Becher dar. Tiara und Kreuzstab kennzeichnen ihn allerdings als Papst. Diese stammen aus dem 14. Jahrhundert.

Zu weiteren Ritualen gesellt sich der Brauch Sankt Urbans Bild bei Regen am 25. Mai rituell zu bestrafen. So lesen wir von einem fränkischem Brauch: ”Am Urbanstag richten die Weinhäcker am offenen Markt oder anderem Platz einen Tisch zu mit Tischtuch und wohlriechenden Kräutern belegt, darauf stellen sie Sankt Urbans Bild. Ist dieser Tag schön, so tun sie diesem Bild viel Ehr an mit krönen und speisen. Ist es aber Regenwetter, so ehren sie nit allein nit, sondern werfen ihn über und über mit Wasser; denn sie meinen der Wein, der zu dieser Zeit in Blüte steht. Soll, so es regnet, übel, aber so es schön ist, wohl geraten.” Hierzu passt auch der Spruch ”Wenn Sankt Urban kein gut Wetter geit, wird er in die Pfützen geleit.”  

In früheren Zeiten ist allerdings auch öfter verschämt von der ”Urbansplag” die Rede, worunter die Gicht gemeint ist. Die ”sanften Strapazen der Liebe” - der Suff  und ein cholerisches Temperament - galten als Ursachen dieses Leidens:

”Bacchus, der Vater, Venus die Mutter, Ira die Hebamm - die zeugen das Podagramm”.

Ludwig Uhland formulierte seine Gedanken zu Sankt Urban folgendermaßen:

”Und wenn es euch wie mir ergeht,

 so betet, dass der Wein gerät,

 ihr Trinker insgemein!

O heil´ger Urban, schaff uns Trost,

gib heuer uns viel edlen Most,

dass wir dich benedein!”

Rebleutezünfte und Winzerbruderschaften trafen sich damals in Sankt Urbans Namen, Bruderschaften waren zu jener Zeit sowohl soziale Solidargemeinschaften als auch religiöse Korporationen und manchmal auch Standesbehörden.  

Gelegentlich waren diese Urbansbruderschaften auch eine Art untere Aufsichtsbehörde für den Weinbau. Viele dieser Bruderschaften fanden dann mit der Reformation ihr Ende, dem Rest macht ein Edikt des aufklärerischen Habsburgerkaisers Joseph II. 1783 den Garaus. Die Tradition dieser Urbansbruderschaften lebt allerdings auf das Genießerische reduziert in den heutigen Weinbruderschaften fort.