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Für unsere Vorfahren, die Römer, bedeutete das
Festmahl in der Phase des Niedergangs ihrer Macht, die in Europa mit dem Fall
des Weströmischen Reiches (476 n. Chr.) enden wird, einen ausgedehnten Moment
der Entspannung.
Zu Kitharaklängen und Flötenmelodien knabberten die Repräsentanten der sich
selbst zerstörenden Macht komplizierte, mit teuren Gewürzen bedeckte Speisen
(Flamingozungen, Leber von Tieren und seltene Vögel), während sich das Volk und
die Sklaven mit den Resten begnügen oder sich hauptsächlich von Gemüse und
Kräutern ernähren mussten.
Mit den Einfällen der Barbaren schien jedwede kulinarische und ernährungsmässige
Tradition zerstört und mit der Ankunft der Langobarden aus den Alpen im Jahre
569 war auch die Erinnerung an jedes gastronomische Gericht verloren gegangen.
Den Randgebieten unseres Landes fielen unterschiedliche Geschicke zu.
Insbesonders Sizilien wurde ab dem 9. Jh. von den Arabern kolonisiert, die die
Kultur und die Bräuche der Inselbewohner beträchtlich beeinflussten. Die
eingeführten trockenen Teigwaren (aufgrund ihrer einfachen Aufbewahrung
wahrscheinlich als Nahrungsmittel für die arabischen Nomadenvölker entstanden)
zum Beispiel fanden hier günstige Bedingungen für ihre Entwicklung und ihre
Verbreitung in Richtung Genua, Neapel, Frankreich und Spanien.
Erst die Kultur des Christentums und der Katholischen Kirche schenkte den
Gaumenfreuden erneut Beachtung. Sie betrachtete sie als eine unlösbar mit der
Sexualität verbundene Schuld: die Sünde von Adam und Eva im Paradies auf Erden
war eine Sünde des Stolzes, die jedoch eine Frau mit einbezog und sich im Akt
des Essens verwirklichte. Die geistige Perfektion führte also über die Abstinenz
in der Ernährung und vor allem über die Entbehrung von Fleisch. Bis zum 11. Jh.
beschränkte sich die Diät der Mönche auf Brot und Hülsenfrüchte, mit Eiern und
Käse an den erlaubten Tagen und etwas von der Jahreszeit abhängigem Obst. Der
Verzicht auf Fleisch war einerseits an die Ablehnung von Gewalt in Form der
Tötung von Tieren gebunden und andererseits an den Schutz der durch
energiereichere Speisen gefährdeten Keuschheit.
Das Dilemma der Versöhnung von römischen und barbarischen Schwelgereien mit den
Entbehrungen der christlichen Asketen wurde zur Zeit Karls des Grossen gelöst.
Fasten und Abstinenz wechselten sich mit Festtagen ab, an denen eine reichliche
und abwechslungsreiche Mahlzeit auch für die religiöse Macht eine Art der
Achtung von Gott und des Gebets darstellte: die irdischen Tafelfreuden fielen an
den Festtagen mit den geistigen und religiösen Freuden zusammen. So veränderte
sich durch die Aufgabe der totalen Askese das Leben in den Klöstern, da die
Gelegenheiten, an denen die festlich geschmückte Tafel als Ort des Gebets
betrachtet wurde, im Laufe des Jahres zahlreich waren. Parallel dazu stieg in
den in Lehen organisierten mittelalterlichen Burgen die Zahl der Personen, die
regelmäßig essen konnten, da sie im Dienst des autarken mittelalterlichen
Wirtschaftssystems standen (Handwerker, Bedienstete, Geistliche, Knappen).
Gewiss kann man im Mittelalter nicht von Gastronomie sprechen: bis das Erwachen
des städtischen Lebens in Europa - in Italien früher als woanders - nicht zu
einer Verfeinerung der Sitten führt, scheinen die mittelalterlichen Feste eher
barbarische Nahrungsanhäufungen als harmonische Kreationen zu sein.
Mit dem Aufblühen des städtischen Lebens, mit der Zunahme des Verkehrs in Folge
der Kreuzzüge und mit der Bildung erster Produktionseinheiten, auf denen sich
später das Bürgertum entwickeln wird, fand die Suche nach den Tafelfreuden im
13. Jh. Beachtung und Legitimation: die auf das Umwerben des Geschmacks und die
Sensibilisierung des Gaumens ausgerichtete Gastronomie eignete sich wieder
einige Kochweisen im Ofen oder in Kochtöpfen auf Sammelrosten in der Ecke des
Kamins an. Die alte Kunst des Geschmorten und der Saucen und die Gewohnheit, die
Speisen zu “verkleiden” und die Vögel mit
ihren Federn geschmückt bei Tisch zu servieren, lebten wieder auf. Die
Wiederaufnahme der lang vergessenen alten Traditionen fiel zusammen mit der
Einführung neuer Nahrungsmittel, die die Tafeln der Herrschaften bereicherten:
Gewürze und der seit langem von den Arabern in Sizilien angebaute Rohrzucker,
der sich als Honigersatz ausbreitete und die Erfindung der Zuckermandeln als
Abschluss jedes wichtigen Festmahls und als sicheres
Zeichen der Vornehmheit gestatteten.
In Italien fand in der Region Toskana die Erneuerung statt, die die Kochkunst im
Laufe des 14. Jh. kennzeichnete. Der damalige Übergang von der Volksküche zum
Versuch einer Gastronomie, die sich in ganz Europa durchsetzen würde, wurde von
der Klasse des Großbürgertums ausgefeilt, die auch die wirtschaftlichen Vermögen
der Städte geschaffen hatte.
Die Umweltbedingungen waren immer günstiger geworden, seit Mathilde von Canossa
und in der Folgezeit die Gemeinden mit der Terrassierung der Erhöhungen und der
Kontrolle des Wassernetzes begonnen hatten, und sie lieferten der Region
ausgezeichnete Rohstoffe: das Öl von den Hügeln um Siena und Florenz, die Erbsen
und den Kohl von Lastra a Signa und Scandicci, die Lämmer aus dem Casentino, die
Kälber aus dem Val di Chiana, die Meerbarben des Tyrrhenischen Meeres und die
Hechte aus dem See von Chiusi. All das kaufte man auf dem Alten Markt von
Florenz, wo auch die ambulanten Verkäufer des Umlandes zusammentrafen, die Körbe
mit Eiern, Käse und Wild mitbrachten.
Im Chianti wurde bereits ein guter hochroter Wein
hergestellt, der Montepulciano und der Montalcino waren schon bekannt und von
der Insel Elba kam ein edler Aleatico. Besonders gefragt war das Brot von Prato,
das die Köche der Klöster zu einem feinen, mit Honig gesüssten und nach Gewürzen
duftenden, mit trockenen Feigen und Weinbeeren verfeinerten Brot inspirierte. Es
handelte sich um den Vorläufer des Panforte aus Siena und
wahrscheinlich auch des mailändischen Panettone, die beide zu typischen
Weihnachtskuchen wurden. Bis zum 13. Jh. breiteten sich auch in der toskanischen
Küche die Gewürze aus und bald griff die Mode der aufgrund ihres Preises
wichtigen Anlässen vorbehaltenen Zuckermandeln um sich.
Die Familien des Bürgertums, die noch nicht über Palazzi mit Empfangssalon
verfügten, feierten ihre Feste auf der Straße. Lange Tische wurden unter
Überdachungen aus Leinwand zum Schutz vor der Sonne aufgestellt; Blätter, Blumen
und Teppiche verkleideten die Mauern und die im 14. Jh. bereits
abwechslungsreichen Festmähler wurden im Freien serviert.
Jede wohlhabende toskanische Familie des 14. Jh. deckte für die Gäste mit
blütenweißen Tischdecken und sie verfügte über silberne Teller und Trinkkrüge,
über Gläser aus Silber und Glas und über Email-Salzstreuer. Mit fein gestochenen
Küchenbrettern, Kerzenleuchtern, Bonbonnieren und Becken zum Händewaschen
standen die wertvollsten Gegenstände auf dem Aufsatz der Anrichte im Hauptzimmer
zur Schau.
Im Unterschied zu anderen Orten hielt man in der Toskana viel auf die guten
Manieren. Die einzige Ausnahme war der Wein, von dem man in Zeiten der in jenem
Jahrhundert wütenden Epidemien als Gegenmittel und Narkotikum trinken konnte,
soviel man wollte. Auch die schönen Mädchen und die vornehmen jungen Männer, die
die Novellen des Werkes Decamerone erzählen, gönnen sich zwischen ihren
aristokratischen Zwischenmahlzeiten mit Konfitüre und Gebäck oftmals ein
Gläschen Wein.
Nicht nur in den Palazzi, sondern auch in den Klöstern
waren die streng Fastenden im 15. Jh. nur noch eine Erinnerung: die Kirche und
insbesondere der päpstliche Hof hatten die Tendenz, Gott bei Tisch zu ehren, in
gutem Masse akzeptiert und die Naschsucht erschien niemandem mehr als so
schrecklich. Die Chroniken des 16. und 17. Jh. erzählen von einer Reihe
unglaublich luxuriöser Bankette anlässlich offizieller Empfänge, bei denen sich
Hunderte von Gängen mit Musik, Gesang und Tanz abwechselten. Während
französische, deutsche und spanische Söldnertruppen die Halbinsel plündernd und
verwüstend durchquerten, wetteiferten die Renaissance-Höfe von Mailand, Ferrara,
Florenz, Mantua, Urbino, die Republik Venedig und das päpstliche Rom
Michelangelos und Raffaellos im Hinblick auf Glanz der Paläste, Pracht der
Kunstsammlungen und die Inszenierung öffentlicher Feierlichkeiten. Eine
Hochzeit, der Besuch eines ausländischen Herrschers, der Abschluss eines
Abkommens waren Anlässe für prunkvolle Festzüge durch die Stadt vor den
staunenden Untertanen: in Mailand wurden von Leonardo Triumphbögen und lebendige
Bilder entworfen; Lorenzo der Prächtige zeichnete in Florenz Szenen und Kostüme
für die Wagen. Jedes Fest wurde feierlich mit einem Bankett abgeschlossen,
dessen Reste, insbesondere die Süsswaren, gewöhnlich an die Bürger verteilt
wurden.
Die Fantasie kannte keine Grenzen: im Jahre 1595 bot
Kardinal Grimani den Botschaftern der Republik Venedig, die mit Flöten und
Trommeln empfangen wurden, in Rom im Palazzo Venezia ein Festmahl. Trompeten
begleiteten Eingemachtes und Konfitüren in den Saal, Gold- und Silberteller
voller Kekse und Pinienkerne erschienen zum Klang der Harfen. Es folgten eine
Milchsuppe und Tabletts mit Rehköpfen, Tuben kündigten vierundsechzig Gänge Huhn
in katalanischer Sauce an, Braten und Fasane machten zur harmonischen Viola die
Runde im Saal. Das Dessert mit Schlagsahne und Marzipan wurde von den Tänzen
einer jungen Araberin und einer eher naiven Kinderaufführung begleitet.
Am 13. September 1513 feierte das Rom des als Feinschmecker bekannten Papstes
Leo X. Medici mit einem feierlichen Festmahl im Kapitol die Ernennung des Neffen
Julian zum Patrizier. Die Tafel mit zwanzig ausgewählten Gästen thronte auf
einer Erhöhung in der Mitte des Platzes, um die eine halbkreisförmige Tribüne
für die Zuschauer errichtet worden war. Als die Gäste beim Vorübergehen der
Duftwasserbecken ihre blütenweissen
Servietten auseinander falteten, stiegen Vögel in die Luft. Der Überfluss war
den Chronisten nach so gross, dass sich die Gäste schliesslich gegenseitig mit
den einzelnen Gängen bewarfen und Ziegen und Fasane, Schweine und Rebhühner bis
zur Tribüne flogen und den Platz beschmutzten.
Achzig Jahre später, im Mai des Jahres 1593, erneuerte Rom, wie der Gastronom
und Schriftsteller Vincenzo Cervio in seinem Buch Il trinciante (Der Tranchierer)
erzählt, beim Empfang der Söhne des Herzogs Wilhelm von Bayern nach schwierigen
Jahren die vergangene Pracht, um sie sogar zu übertreffen. Den tausend im
Schloss Sant’Angelo eingelassenen Personen präsentierte sich eine zwischen den
Wappen des Papstes und der deutschen Fürsten buchstäblich mit Gold bedeckte
Ehrentafel. Perlen wechselten sich ab
mit vier Fasanen, deren Federn mit Gold bearbeitet waren, und mit drei Löwen aus
vergoldeter Mandel-Zuckermasse. Selbst die kalten Pasteten in Form von Adlern,
Löwen und Tigern waren vergoldet. Zum Schluss des Festmahls wurde ein Modell des
Schlosses Sant’Angelo aus Teig in den Saal gebracht, aus dem lebende Perlhühner
und kleine Vögel kamen, die kleine Goldkronen auf dem Kopf trugen. Nach ihnen
erschien ein ebenfalls vergoldeter mechanischer Stier, der sich allein bewegte.
Es ist offensichtlich, dass die Gastronomie dieser exhibitionistischen römischen
Gastmahle nicht dem Kreativitätsideal folgte. Sie verewigte die mittelalterliche
Sorge der Anhäufung von Nahrungsmitteln, um das Gespenst der stets lauernden
Hungersnöte durch wachsende Zeichen des Überflusses zu vertreiben.
Darüber hinaus suchte man auch bei Tisch nach einer Verbindung mit der
klassischen Welt, mit dem kaiserlichen Rom, mit den wahnsinnigen Festmahlen
Neros und Eliogabalos, mit der Inszenierung des Satyricon von Petronius. Die
Höfe von Neapel und von Urbino stellten wie Rom die Grossartigkeit ihrer Herren
durch den kurzlebigen Glanz des Banketts zur Schau. Andere Höfe verfolgten
dagegen ihre “Image-Strategie” in anderem Stil.
Derartige Übertreibungen wurden in der Tat nie von den Medici, den Herren von
Florenz mit bürgerlicher Herkunft, geteilt. Anstatt die eigenen Untertanen mit
Veranstaltungen zweifelhafter Eleganz zu beeindrucken, zogen die Medici es vor
sie in ihre Feierlichkeiten mit einzubeziehen. Man erinnere sich nur an den Juni
1469, als Lorenzo der Prächtige anlässlich seiner Hochzeit mit Clarice Orsini
vom Palazzo in der Via Larga aus die ihm geschenkten Lebensmittel an die
Florentiner verteilen liess. Am Tag der Feier wurden dem Volk keine Reste,
sondern 1.500 Küchenbretter mit Gelatine und Hühner, Fische, Zuckermandeln und
andere extra angefertigte Leckereien geschenkt.
Auf den Gastmahlen der Familie der Medici herrschten gute Manieren und absolute
Sauberkeit. Vasen, Kandelaber und Silbergeschirr wurden ihres künstlerischen
Wertes wegen ausgewählt und im Gegensatz zu anderen Höfen tobten sich die von
der Dame des Hauses geführten Köche der Medici nicht in schlecht schmeckenden
Kunstwerken aus. Stattdessen verwendeten sie rigoros die naturreinen Produkte
der Region für Gerichte der toskanischen Tradition, die oft der Volksweisheit
entstammten.
Lorenzo selber war eher schlicht. Er kostete gerne mit
seinen Freunden in seinen Villen in Fiesole und Poggio a Caiano Hasen aus seinen
Wäldern und Käse vom Bauernhof. Als Eigentümer eines riesigen Grundbesitzes, der
von der Mutter Lucrezia verwaltet wurde, gab er den Mitbürgern ein Beispiel für
weise Führung: seine Jagdreviere wurden ständig mit Fasanen und Pfauen besetzt
und die Fischteiche mit Fischen. Nach der durch Savonarola und Exil bedingten
Pause nahmen die Medici im Palazzo Pitti mit dem Titel der Grossherzöge die
Tradition der Eleganz wieder auf. Ihre avantgardistische Gastronomie war an die
lokale Tradition gebunden, die wiederum von professionellen Köchen interpretiert
wurde, und
sie zeichnete sich aus durch die Suche nach Abwechslung im Geschmack und die
Pflege der Naturreinheit der Speisen.
Auch von dem Hof der Este in Ferrara haben wir Zeugnis, überliefert von dem
Edelmann und gelehrten Humanisten Cristoforo Messisbugo in seiner Abhandlung
Banchetti, composizione di vivande et apparecchio generale (Bankette,
Zusammenstellung von Speisenfolgen und allgemeine Ausstattung). Dank seiner
verschaffte sich der Hof von Ferrara in Europa den Ruf eines künstlerischen Pols
und seine Fürsten genossen einen verdienten Ruf als Mäzene. Um die Speisen herum
organisierte der Hof von Ferrara für die Gäste globale Aufführungen von
hervorragendem Niveau. Höhepunkt des Banketts vom 24. Januar 1529 anlässlich der
Hochzeit von Prinz Ercole mit der Tochter des Königs von Frankreich, dem
Isabella d’Este Gonzaga und französische und venezianische Botschafter
beiwohnten, war die Aufführung von Ariostos Cassaria.
Der aufmerksame Weinkenner Messisbugo gilt auch als der geschickte Verfasser der
nördlichen Küche, die im Gegensatz zur toskanischen-südlichen Küche nicht auf
Olivenöl, sondern auf Butter basiert. Darüber hinaus gelingt ihm eine gute
Abstimmung der Speisen der Festmahle. In seinen Vorschlägen zeigt er eine
gewisse Vorliebe für rohes Gemüse und Wurstwaren; er wechselt geschickt Fleisch
und Fisch ab, er variiert Frittüren und
Essig-Zwiebel-Marinaden, auf dem Rost Gebratenes und Geschmortes; er verwendet
Nudeln und verschiedenartig gefüllte Tortelli. Er empfiehlt einen ausführlichen
Gebrauch von Zucker, Zimt, Pinienkernen und Rosinen, die ein wenig auf alles
gestreut werden und die Vorliebe der Renaissance für das Süsssaure enthüllen,
als Zucker noch ein Privileg der
Reichen war.
Ferrara liegt wenig entfernt von Venedig, das seit der Zeit der Kreuzzüge das
Zuckermonopol innehatte. Es führte ihn aus dem Orient ein, stellte ihn in Candia
her und belieferte ganz Europa; allein die Lombardei kaufte jährlich für 85.000
Gulden ein.
Im 16. Jh. hatte Venedig noch nicht die Gastronomie entwickelt, für die es
später berühmt werden sollte. Der Doge zahlte aus eigener Tasche fünf feierliche
Bankette jährlich, jedoch war das am meisten bewunderte Schauspiel im Saal des
Großen Rates von Venedig das Decken der Tafel, an der von Rechts wegen die
Mitglieder der Regierung, der Apostolische Nuntius und der Botschafter
Frankreichs sassen. Auf den wertvollen venezianischen Spitzen
glitzerten Glas aus Murano und ziseliertes Silber; Gebäck, Zuckermandeln und
kandierte Früchte gab es so reichlich, dass die Gäste aufgefordert wurden, sie
mit nach Hause zu nehmen.
Trotz traditioneller Mäßigkeit scheute die Republik Venedig keine Kosten, als im
Jahre 1574 der etwas sonderbare Sohn von Caterina de’ Medici, Heinrich III. von
Frankreich, mit nur kurzer Vorankündigung beschloss, eine Woche in Venedig zu
verbringen. Es war ein Juli mit Ausflügen auf das festlich geschmückte Bucintoro
und einer märchenhaften nächtlichen Regatta, der der König auf dem Balkon des
Palazzo Foscari beiwohnte, während die
erleuchteten Boote den Kanal entlangfuhren. Am Lido sang der König das Te Deum
unter einem von Palladio entworfenen und von Tintoretto und Veronese verzierten
Triumphbogen.
Die Feierlichkeiten gipfelten am Sonntag in einem Bankett im Saal des Großen
Rates, wo Heinrich III. von den zweihundert schönsten, weissgekleideten und
juwelenbedeckten Patrizierinnen Venedigs empfangen wurde. Die Tafel schmückten
von Sansovino entworfene Zuckerskulpturen: zwei Löwen, eine Königin zu Pferd
zwischen zwei Tigern und der David und der Hl. Markus zwischen Abbildungen von
Königen und Päpsten, Tieren, Pflanzen und Obst.
Auch die Tischdecke, das Brot, die Teller und das Besteck waren aus Zucker. Die
transozeanischen Reisen, die der Versorgung Europas mit Gewürzen - der anderen
Quelle des venezianischen Reichtums - dienten, überfluteten den Markt, bis
schliesslich die Preise stürzten. Ab dem 17. Jh. gab die gelehrte Gastronomie
mit der Wechselhaftigkeit, mit der die höheren Schichten die gemein gewordenen
Produkte vernachlässigten, nach Jahrhunderten des Missbrauchs rasch die
Verwendung von Pfeffer, Ingwer, Zimt, Muskatnuss,
Kardamom und Gewürznelken auf. Für Venedig und die anderen Seestädte des
Mittelmeers bedeutete dies den Anfang ihres wirtschaftlichen Niedergangs.
Die Renaissance hatte auf dem Gebiet der Tischkultur das Verdienst der Schaffung
eine neuer Vielfalt an Kochweisen, des Triumphs der Marmeladen, der Konfitüren
und des Gebäcks und der Aufwertung einiger Gemüsesorten in den
Offizierskantinen. Eine neue Beachtung der Sauberkeit und der guten Manieren war
im Begriff, von Italien aus Europa zu erobern, und wurde von einer Reihe von
Abhandlungen empfohlen - berühmt ist der Galateo, das Buch der Etikette, von
Monsignor Della Casa - , die überall die Sitten
verfeinerten. Zu diesem neuen Savoir Vivre gehörte der Gebrauch der Gabel, auf
der Halbinsel seit dem 14. Jh. unter den Gewohnheiten des Bürgertums bezeugt:
Franco Sacchetti nennt sie in einer seiner Novellen. Zum Ende des Jahrhunderts
inventarisierte Margherita Datini, die Frau des berühmten Händlers und Erfinders
des Wechsels aus Prato, unter ihren Gütern zwölf Stück aus Silber.
An die Gastmahle der Mächtigen erinnert die Geschichte, die Spuren der
Entwicklung der volkstümlichen Küche müssen dagegen in der Literatur gesucht
werden. Den Werken Baldus und Maccheronee von Teofilo Folengo zufolge kochte das
Volk im Gebiet um Mantua zu Beginn des 16. Jh. Polenta aus Kastanienmehl und
Suppen aus Brot, Bohnen, Kichererbsen und Erbsen. An Festtagen verwendete es
seit damals die Mariconda, einen Teig aus Semmelbröseln, Eiern und Käse, der in
der Brühe löffelweise gekocht wurde. Beliebt waren Lasagne und Pappardelle,
Taglierini, Gnocchi und Makkaroni. Unter diesen einfachen,
nahrhaften Speisen befindet sich jedoch kein Fleisch, das in den
herrschaftlichen Küchen in monotoner Hülle und Fülle gegenwärtig ist.
Die Entdeckung Amerikas (1492) hatte Europa bereits
seine Geschenke gemacht, aber es muss noch viel Zeit vergehen, bevor auch das
Volk Vorteile daraus zieht. In den Küchen der Reichen breitete sich sofort der
Truthahn aus, den der Herzog von Este nach Aussage von Bartolomeo Scappi unter
den seltenen Tieren züchtete und der auch als wertvolles Hochzeitsgeschenk
angesehen wurde.
Bereits bei seiner ersten Rückkehr in die Heimat im
Jahre 1493 hatte Christoph Kolumbus einige Maiskörner mitgebracht. Dieses
schnell wachsende und ertragsreiche amerikanische Getreide verbreitete sich um
das Jahr 1530 herum in Venetien, im Gebiet um Mantua und in der Polesine, von wo
aus es nach Süditalien gelangte. Wo immer es auch angepflanzt wurde, kräftigte
es zusammen mit der amerikanischen Bohne die Fruchtbarkeit des Bodens und
vertrieb für die Bauern das Gespenst der Hungersnot. Dennoch stoppte seine
Ausbreitung nach den anfänglichen Erfolgen: erst zum Ende des 17. Jh. überwanden
die anderen europäischen Länder ihr Misstrauen und übernahmen die Polenta als
tägliche Speise.
Die Kartoffel erlitt mehr oder weniger das gleiche
Schicksal: sie wurde zwar in den botanischen Gärten mit Interesse von den
Agronomen untersucht, hatte aber anfänglich nur auf dem spanischen und
italienischen Land Erfolg.
Die rasch erfolgreiche Tomate und die Paprika wurden
triumphal in der spanischen Volksküche, die auch für die Verbreitung in den
weniger wohlhabenden Klassen aller Länder sorgte, aufgenommen.. Die häufigste
und am meisten geschätzte Verwendung der Tomate besteht sicherlich in der Sauce
für trockene Teigwaren, die anscheinend bereits in den ersten Jahrzehnten des
17. Jh. aus Sizilien kam. Es wird die These bekräftigt, dass die Träger des
Hafens von Trapani die Urheber der bedeutendsten Vermählung in der
Geschichte der Gastronomie waren: die Hochzeit der Nudel mit der Tomate.
Makkaroni und Spaghetti wurden in heißem Wasser gekocht und die Tomaten in
Stückchen darüber gegeben.
Ein halbes Jahrhundert später wurden in Kampanien Tomaten für die «pummarola»
angebaut. Zum Ende des 18. Jh. werden die «vermicelli» mit der «pummarola ‘n
coppa» das auf der Strasse verkaufte Gericht, das die Bevölkerung ernährt. Es
beginnt die Zeit der Nudel, die ihr endgültiges Bild erlangt.
In Bezug auf die trockenen Teigwaren erinnern wir daran, dass sie bereits im 15.
Jh. in Süditalien verwendet wurden, damals jedoch weit davon entfernt waren, die
Ernährung zu beherrschen, und weiterhin eine gelegentliche Speise blieben. Bis
zum 17. Jh. waren die Neapolitaner als «Blätterfresser» bekannt, da ihre
Grundnahrung aus Gemüse bestand. Die «vermicelli» kommen in den Gassen Neapels
im Jahre 1647 an, nach der Revolte von Masaniello: von da an wurden die
Neapolitaner zu «Makkaronifressern».
Im 17. Jh. ging die bis zu den Anfängen jenes
Jahrhunderts führende Stellung Italiens in der europäischen Kochkunst an
Frankreich über, jedoch nicht ohne Schulden Italiens gegenüber.
Bekannterweise verbreitete Caterina de’ Medici, als sie im Jahre 1533 den
Dauphin Heinrich heiratete, in Frankreich die Errungenschaften der italienischen
Gastronomie und die Grundlagen der Tischkultur. Gerechterweise muss man auch an
die einige Tage andauernden Feierlichkeiten anlässlich der Hochzeit von Maria
de’ Medici mit dem König Heinrich IV. erinnern, bei denen ein Bankett derart
reich an spektakulären Einfällen war, dass der päpstliche Nuntius teufliches
Zutun argwöhnte. Im Laufe des 17. und 18. Jh. verliert die italienische Küche
mit dem Verschwinden der Signoria und der Höfe an Bedeutung und Ruhm und die
Epoche der nationalen Rezeptbücher scheint beendet. Der Plan einer
Zusammenfassung der italienischen Küche - besonders von Scappi, jedoch nicht von
ihm allein verfolgt - weicht einer progressiven Akzentuierung der regionalen
Unterschiede. Natürlich waren diese Verschiedenheiten auch vorher ein sichtbares
Element des gastronomischen Panoramas der Halbinsel. Anders als vorher jedoch
betonen die Rezeptbücher nun diesen Gesichtspunkt und sie stellen sich
deutlicher als in den Texten des Mittelalters und der Renaissance auf den
geographischen Standpunkt. Diese Perspektivenänderung tritt besonders in der in
Neapel hergestellten Abhandlung hervor, durch die zum ersten Mal ein vollendetes
Bild des gastronomischen Schatzes des Südens
definiert wird. Autoren wie Giovan Battista Crisci, der 1634 in Neapel eine
reichhaltige Menüsammlung für die verschiedenen Jahreszeiten, die Lucerna de
corteggiani, veröffentlicht, oder Antonio Latini, dessen Werk Scalco alla
moderna, overo l’arte di ben disporre i conviti vom modernen Haushofmeister und
der Kunst der Anordnung von Festmahlen handelt und ebenfalls in Neapel in den
Jahren 1692-94 in zwei Bänden veröffentlicht wird, achten besonders darauf, ihre
kulturelle und territoriale «Zugehörigkeit» mitzuteilen.
Criscis Lucerna ist das erste richtige Verzeichnis von Produkten und
Spezialitäten Mittel- und Süditaliens. Nicht so sehr Neapel, «symbolischer»
Bezugspunkt auch für die Autoren des Nordens, sondern eine Myriade an Städten,
Kleinstädten und im Gebiet verstreuten landwirtschaftlichen Zentren sind die
entscheidenden Orte eines entschieden neuen gastronomischen Bildes.
Von den Abruzzen bis Apulien, von Kampanien über die Basilikata bis nach
Kalabrien - und wie immer nach Sizilien - konzentriert sich die Geographie der
Produkte vor allem auf Käse und Obst, nicht jedoch ohne einzugehen auf den
abruzzischen Schinken, den Presssack und die Würste von Nola, das «Filet von
Giugliano, garniert mit Haselmäusen» und das «Kalbsfilet von Sorrent»; die
Makkaroni können sizilianisch (oder genauer aus Palermo) oder apulisch
sein; die frischen oder «eingelegten» Oliven sind aus Gaeta und aus Maranola,
aus Caserta und aus dem Cilento, aus Geraci und aus Messina; der Kopfsalat ist
aus Avellino und die Melonen sind aus Aversa. Unter den für Obst berühmten Orten
bemerke man Amalfi (Pfirsiche), Arienzo (rote Kirschen, Äpfel, Pfirsiche,
Aprikosen), Capodichino (rote Pflaumen), Capodimonte (Pfirsiche,
Schattenmorellen), Giugliano (Pfirsiche), Marano (Pfirsiche und weisse Äpfel),
Moiano (Äpfel), Posillipo (weiße Äpfel, Muskateller,
Pfirsiche, Aprikosen), Procida (Aprikosen), San Giovanni (Feigen), San Pietro
(Feigen), Somma (Schattenmorellen, Birnen, Mispeln) und Sorrent (Pflaumen,
Pfirsiche, Äpfel). Weitgefächert sind die frischen und konservierten Käsesorten:
Mozzarella aus Aversa, aus Capua («frisch geschmort») und aus Cerreto; der
birnenförmige Hartkäse Caciocavallo aus
Basilikata (oder aus Potenza oder dem «Foio di Potenza») und aus Sizilien;
salziger Ricotta aus Capua, Ricotta «von der Ziege» aus Pozzuoli und aus dem
Vallo di Potenza, «Ricotte di raschi» aus Kalabrien (oder genauer: aus dem Sila,
dem Pollino, aus San Lorenzo); Provole, eine Büffelkäsesorte, aus dem Garigliano,
aus Capua, aus Eboli, aus Cerra und aus Sessa; nicht näher bestimmte Käsesorten
aus den Abruzzen und aus Apulien. Es fällt auf, dass in
dieser Liste die Kennzeichnung der Produktion und des Marktes vorwiegend nicht
städtisch ist und sich auf kleine Dörfer oder auf «das Land» oder «die Küsten»
bezieht: Ergebnis - wie wir wissen - einer Geschichte, die bereits ab den
mittleren Jahrhunderten des Mittelalters zusah, wie die Autonomie der
Kleinstädte der königlichen und freiherrlichen Macht geopfert wurde, und sich im
Vergleich zum Mittel- und Norditalien der «Stadtstaaten» und
«Städte» in struktureller Hinsicht anders entwickelte.
Ein weiteres Verzeichnis von Spezialitäten aus dem Süden - die jedoch nicht wie
im Text von Crisci verstreut sind zwischen zahlreichen Empfehlungen für die
Menüzusammenstellung, sondern angeordnet in einem systematischen Verzeichnis -
finden wir im Werk von Antonio Latini. Dessen erster Band wird besiegelt von
einer Breve descrizione del Regno di Napoli, einer kurzen Beschreibung des
Reiches von Neapel, die mit Hinweisen, die «verschiedenen
Autoren» und insbesonders «dem Gebrauch und der Erfahrung» entnommen sind, cose
comestibili di frutti, e d’altro, che si producono specialmente, e di rara
qualità, in diversi luoghi del medesimo Regno, also Essbares an Obst und
Anderem, das man speziell und in seltener Qualität an verschiedenen Orten
derselben Region herstellt, veranschaulicht. Eine nach der anderen werden die
zwölf Provinzen des Reiches untersucht, beginnend bei der Provinz Campagna
Felice, die Neapel alles liefert, was das Herz begehrt.
Die gastronomische Geographie Europas ist bereits gut
umrissen. Die in die Künste eingeschlossene französische Gastronomie erweckt das
Interesse von Malern und Literaten und übernimmt die Vorherrschaft in Europa,
was auch einer herausragenden Persönlickeit zu verdanken ist. Es handelt sich um
den bettelarm geborenen und als junger Mann als Gaststättenlehrling angestellten
Marie-Antoine Carême. Aufgewertet durch sein Naturtalent und ein
leidenschaftliches Studium der Literatur und Architektur steigt er, zwischen
Direktorium und Restauration, bald empor zum Genie des Herdes. Mit Carême reiht
sich die zur Kunst gewordene Gastronomie in die Produkte des Gedanken ein: sie
erfordert die Arbeit von Profis und regt die theoretische Debatte der
Intellektuellen an, die sich darin versuchen, die Harmonie zwischen Geschmack,
Anblick und Geruch zu erfassen. Die
Impressionisten debattieren über die traditionellen regionalen Gerichte, die
durch die bürgerlichen Schichten zu neuen Würden gelangten. Vater Alexandre
Dumas versucht sich mit seiner einflussreichen Fantasie in der Haute Cuisine.
England, das Heinrich VIII. unter den wenigen
Leckermäulern aufweist, blieb von der Verachtung der Puritaner für die
Ausgewähltheiten der Tafel konditioniert und errang den geringen Verdienst des
Roastbeef und des Breakfast.
Im fernen Russland machten die zahlreichen und reichhaltigen traditionellen
Gerichte zuweilen der französischen Mode Platz, jedoch fehlte jeder Versuch der
Erfindung. Venedig hingegen verstand sich in einer Ausarbeitung hinsichtlich des
lokalen Geschmacks und der örtlichen Produkte und kreierte eine innovative Küche
des 18. Jh. auf der Halbinsel.
Die italienische Gastronomie des 19. Jh. wird in grosses Schweigen gehüllt, so
als ob es im Jahrhundert des Risorgimento während der Einigung Italiens
unziemlich wäre, von Essen zu reden. Lediglich einige parlamentarische Berichte
bringen ab und an beunruhigendes Licht in die Misere der Bauern, die im Winter
zu bitterem Hunger wird. Es muss im Jahre 1891 das Lehrbuch von Artusi (La
scienza in cucina e l’arte di mangiar bene, Die Naturwissenschaft in der Küche
und die Kunst des guten Essens) erscheinen, um dem Land die theoretische
Grundlage für eine bürgerliche Küche ohne Prunk und Verschwendung zu geben.
Unter sorgfältiger Auswahl der Gerichte unserer Tradition verbreitete Pellegrino
Artusi in ganz Italien die venezianische Kunst des Risotto und der Fischsuppe,
den Duft des großen piemontischen Fritto Misto, die prächtigen Lasagne, die
emilianischen Tortellini, die Brotsuppen und die aromatischen Braten der
Toskana. Auch die südliche Gastronomie vergass er nicht: die neapolitanischen
Makkaroni und die mit Sardinen auf sizilianische Art, den palermitanischen
Seehecht, das Marzipan, den Babà. Dank seiner wurde die regionale italienische
Küche zur nationalen Kultur. Wir müssen jedoch präzisieren, dass das von Artusi
in gastronomischer Hinsicht gekannte und betrachtete Italien im Norden von
Triest bis Turin reichte und im Süden bis nach Neapel. Die Marken, die Abruzzen,
Apulien, die Basilikata und
Kalabrien erscheinen in keinem Rezept. Auch als mit späteren Nachdrucken die
Scienza in cucina durch die Verwendung von brieflichen Informationen seiner
Leserinnen wächst, geht das Buch mit Ausnahme dreier Gerichte Siziliens nicht
auf den Süden ein. Sardinien bleibt eine unbekannte Insel.
Im 19. Jh. wurden aber auch die Beziehungen zwischen
Malern, Literaten, Musikern und Gastronomie enger. In den vorhergehenden
Jahrhunderten war das Essen für die Künstler ein
symbolisches und evokatives Ausdrucksmittel, im 19. Jh. wird die Gastronomie ein
Forschungsbereich, über dessen ästhetische Maßstäbe man streitet. Sich in der
Gastronomie auszukennen zeigt von Mondänität. Dieses Verdienst gebührt dem Genie
Marie-Antoine Carême, mit dem viele Künstler Europas in Beziehung standen. Wir
erinnern für unser Land an seine Freundschaft mit Gioacchino Rossini, der
musikalische Kompositionen mit gastronomischen Erfindungen wie dem berühmt
gewordenen Salade Rossini oder den gleichnamigen Tournedos abwechselte und
lebhaft grollte an dem Tag, als Vater Alexandre
Dumas es sich erlaubte, sein Makkaroni-Gericht zu kritisieren. Aber auch Dumas
betrachtete sich in der Küche als Schöpfer und er rivalisierte mit dem Musiker
im Auftischen oft exotisch inspirierter Festmahle für die Berühmtheiten des
Theaters. «Mein Geschmack für die Küche
kommt vom Himmel» versicherte er mit seiner üblichen großartigen Anmaßung. Sein
letztes Buch war Le Grand Dictionnaire de Cuisine, das grosse Lexikon der Küche,
das Erfahrung, Kultur und Fantasie geistreich und teils witzig zusammenfasste.
Balzac wiederum war kein Schöpfer, sondern ein Feinschmecker, und er machte die
in den Romanen der Comédie humaine erwähnten Restaurants berühmt.
Auch unter den Malern wurde die Gastronomie zur Mode: die Impressionisten
debattierten die Theorien des Lichts in den dank ihnen berühmt gebliebenen
Restaurants von Montmartre und sie fuhren aufs Land, auf der Suche nach Licht
und Bratenduft. Mit ihnen erneuert sich das Stillleben mit Fischen, Obst, Gemüse
und dank ihnen leben die Krustentiere und das Wild von Madame Toutain, der
Gutsverwalterin von Honfleur, unsterblich in der Kunstgeschichte fort.
Der reichste der Gruppe, Graf von Toulouse-Lautrec, war ein erfahrener
Gastronom, der der Mode ein Jahrhundert zuvorkommt, als er der schönen Pariser
Welt den vergessenen Glanz der regionalen Küche und die kräftigen südlichen
Geschmacke vorschlägt. Der Biograph Nino Vinella erzählt, wie gerne der
Italiener Giuseppe De Nittis Spaghetti und die Fischsuppe seiner Stadt Barletta
für Degas, Goncourt, Zola und Matilde Bonaparte kochte. Die nächste Generation,
die von Vlaminck, Delaunay, Derain, Modigliani und dem jungen Picasso, verlegte
ihre Diskussionen und Abendessen nach Montparnasse. Am 31. Dezember 1916 schlug
der Dichter Apollinaire ein surrealistisches Bankett mit kubistischer Vorspeise,
ästhetischen
Meditationen in Salat, Partyfrüchten von Äsop und anderen ebenso geheimnisvollen
Gängen vor. Ein Wortspiel jedoch, kein gastronomisches Interesse: mit dem neuen
Jahrhundert hat sich die Optik tiefgreifend verändert.
Im Laufe des Jahrhunderts wird die Technik riesige Fortschritte ankündigen und
Verdienste im Ernährungsbereich erlangen. Die Verwendung organischer Düngemittel
und die Erfindung von landwirtschaftlichen Maschinen machten die Ernten reicher
und sicherer. Einige wissenschaftliche Veröffentlichungen enthüllten die Schäden
der Verfälschung von Lebensmitteln und regten die Regierungen zum Erlass erster
Kontrollgesetze an. Die Erfindung der Eisenbahn und der Dampfschiffe erlaubte
den schnellen Transport der Waren
und die ersten Anwendungen von Kälte bei Fleisch und Milchprodukten vermieden
die Schäden des schnellen Verderbens.
Als Nicolas Appert die Konservation der Speisen in sterilisierten Behältern, die
bald Blechdosen wurden, erfand und Louis Pasteur um das Jahr 1880 für jedes
Produkt die Zeiten und die Temperatur der Verarbeitung ausarbeitete, boten sich
der Volksernährung endlich reichliche und erschwingliche Speisen an.
Es war die Zeit der Belle Époque und die Menschen glaubten, dass alle
Schwierigkeiten der Welt zu Ende seien.
Die glücklichen vierzig Jahre vor dem Großen Krieg bestehen für die obere
Gesellschaft aus einem ununterbrochenen Aufeinanderfolgen von Festen und
Empfängen. Man speist in den privaten herrschaftlichen Häusern und in denen der
Mächtigen, man speist in der Gesellschaft von schönen, mit ausgesuchten Juwelen
von Tiffany und Cartier geschmückten Damen der Démi-Monde in den Salons der
Hotels und in Restaurants.
Der Hunger kehrte - besonders in einigen Regionen - in den Jahren des Ersten
Weltkriegs zurück und er traf alle sozialen Schichten. Italien kannte überall
die Armut, die sich hinzog bis in die 30er Jahre des 20. Jh. und in der grossen
Krise von 1929 gipfelte.
In den 40er Jahren, mitten im faschistischen Regime zeugen der von den
Futuristen den Nudeln und traditionellen Speisen erklärte Krieg zusammen mit
einer gewissen Ideologie der Mässigkeit von einer besonderen Wirklichkeit, in
der es eine Schande ist, sich in Italien beim Essen zusehen zu lassen. Das
dokumentieren die Filme der 30er Jahre: niemals ein gedeckter Tisch, höchstens
einmal eine Trinkschale in der Hand einer platinblonden Diva. Auch mit dem
wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg war es trotz der weiten
Verbreitung der Abhandlung von Artusi, die ein erster Versuch ist, eine
nationale Küche vorzuschlagen, nicht möglich, eine Einheit der kulinarischen
Traditionen zu erreichen, ebenso wie die Einheit Italiens in vielen Aspekten
unseres Lebens mehr eine Idee geblieben ist als eine Wirklichkeit. Zu
verschieden sind die historischen Geschicke, die
geographische Lage der einzelnen Regionen, das Klima, die Produkte und die
Kultur in ihrer weitesten Bedeutung. Es bleibt ebenfalls einige Jahre eine
gewisse Scham für das Essen, das in voller bürgerlicher familiärer Intimität
verzehrt wird, so dass sich das Kino auch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg
nur bei den Speisen der Armen aufhält: das Brot, die Korbflaschen mit Wein der
Arbeiter, die Nudeln, von denen Totò, die letzte sublime Maske
der Commedia dell’Arte, träumt.
Es müssen Luchino Visconti und seine aristokratische
Aufwertung der Ästhetikdes Alltäglichen kommen, um auf der Leinwand das Festmahl
aus Il Gattopardo triumphieren zu sehen. Man schrieb das Jahr 1963; zehn Jahre
zuvor hatte Orio Vergani bei der Gründung der Italienischen Kochakademie einen
prophetischen Alarmschrei ausgestossen bezüglich der Gefahr des Verschwindens
unserer wertvollen regionalen Küche. Diese zeigt hingegen Sitten und Gebräuche,
verwurzelte und unterschiedliche Traditionen, die nur durch die Modetendenzen
einiger Lebensmittelindustrien Berührungspunkte gefunden hatten. Die Industrien
waren in Italien besonders nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden und zwar
aufgrund des Einflusses der Vereinigten Staaten auf unsere Gewohnheiten und
unsere Kultur. Diese Lebensmittel haben sich jedoch parallel zur regionalen
Gastronomie entwickelt, die in vieler Hinsicht fest an die Traditionen gebunden
blieb und heute mehr denn je aufgewertet wird. Gerade im Gegensatz zur
Ausbreitung des Fast Food und der abgepackten Lebensmittel wird von vielen
Schichten der italienischen Bevölkerung das Bedürfnis empfunden, antike
Geschmacke, naturreine Produkte und einfache Speisen wiederzufinden, die -
vielleicht angereichert - auf der armen Küche und der bäuerlichen Küche von
einst basieren. Sie ist oft eine Küche der “Wiederverwertung”, die von neuen
Zutaten und grösserer Konsummöglichkeit bereichert wird. Sie wird jedoch immer
öfter im Restaurant verspeist, da aufgrund der neuen sozioökonomischen
Organisation unseres Landes und aufgrund der Rolle, die der Frau in dieser
zukommt, die langen in der Küche von einst erforderlichen
Zeiten nicht mehr praktikabel sind. Natürlich erlaubt die Mühelosigkeit der
Kontakte mit der ganzen Welt ein wenig überall (und auch das kann ein relevantes
Element werden) den Import von Gerichten und Produkten anderer Länder (aus
Afrika, aus Japan, aus Indien usw.), die sich in die Ernährungsgewohnheiten
unseres Landes einreihen. Letzteres ist auch eine
Folge der Bildung einer multiethnischen und folglich multikulturellen
Gesellschaft, die in diesen Jahren dabei ist, sich in rasend schnellen Rhythmen
zu entwickeln.
 
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