Gen-Erosion und die Trendwende

zu alten Rebsorten

 

 

Fortschreitende Zivilisationsmassnahmen, z.B. Versiegelung der Böden durch Strassenbau, Ausdehnung der Städte und Dörfer, Brandrodung, Versteppung etc. haben in den letzten Jahrezehnten weltweit das Aussterben von bedrohten Pflanzen- und Tierarten beschleunigt.

Auch der Wildrebenbestand (Vitis silvestris) ist durch den Eingriff des Menschen stark geschrumpft. Im letzten Jahrhundert fand Bronner (1857) noch viele tausend Reben. Anfang 1900 ist nur noch von etwa 4-500 Exemplaren in bestimmten Regionen des deutschen Sprachraums die Rede.

Affenthaler, Gänsfüsser, Gelbhölzer, Heunisch, Lamberttraube, Orleans, Putzscheere sind nur einige der früher weit verbreiteten alten Rebsorten nebst der Wildrebe. Einige sind in ihrer Existenz bedroht, andere verschollen oder nur noch aus der Literatur bekannt. Am Beispiel der Heunisch wird weiter unten aufgezeigt, wie wichtig diese alten Rebsorten für den Weingeniesser sind.

Die Ursachen des Sortenrückgangs liegen vorwiegend in der Reblauskrise des 19. Jahrhunderts, der Klonenselektion, der zunehmenden Aufgabe des Mischsatzes ab den 20er Jahren, dem verstärkten Pfropfrebenanbau und nicht zuletzt den Vorschriften, dass nur klassifizierte Rebsorten für die Erzeugung von Qualitätswein zugelassen werden. Auch Trends und Vorlieben der Konsumenten für bestimmte "neue" Rebsorten haben eifrig mitgeholfen.

 

Der neue Trend und

die Amigne aus der Schweiz

Aber jetzt ist ein Umdenken erkennbar. Es findet eine wahrhafte Renaissance alter Nischensorten statt. Im nordspanischen Galizien begann man die Klonenselektion der fruchtig aromatischen Weissweinsorte Alvariño, in Frankreich sind Viognier- und Roussanne-Weissweine im Kommen, in Südtirol wird Teroldego favorisiert, in Deutschland ist mit St. Laurent und Tauberschwarz die erfolgreiche Wiedereinführung alter Sorten gelungen und bei uns in der Schweiz wird die autochthone, weisse Rebsorte Amigne bearbeitet. Diese ist uralt und stammt wahrscheinlich von der von Horaz (65-8 v. Chr.) beschriebenen und von Vergil (70-19 v. Chr.) besungenen Vitis Aminea ab.

Aus der Aminea wurden in der Antike körperreiche, kräftige und alterungsfähige Weissweine gekeltert, zum Beispiel so berühmte, wie der Surrentinum und Falerner. Die heutigen Sorten Falanghina und Greco Bianco haben eine gewisse Ähnlichkeit mit der Amigne, sodass auch hier eine Abstammung von der Aminea vermutet werden kann.

Der Amigne ist ein origineller, wenig blumenhafter, aber charakterlich starker, saftiger, grosszügiger Weisswein. Die ab und zu feststellbare schwache hölzerne Note ist häufig auf die Alterung der Rebstöcke zurückzuführen. Der Anbau in der Schweiz konzentriert sich vorwiegend auf den "Coteau de Vétroz" (Wallis). Auf der ganzen Welt gibt es nur mehr 19-20 Ha Rebfläche, 70% davon in Vétroz. Die Rebe ist starkwüchsig und die Blätter gross. Auch die Trauben sind sehr gross, langstielig, kegelförmig, geteilt und locker-beerig. Ihre Farbe ist gelb bis gelbgrün.
 

Der "Mitis Amigne de Vétroz" von Germanier Bon Père zum Beispiel wird folgendermassen beschrieben: Edelsüss, intensives Gold, grüne Reflexe, Duft von Mandarinen und kandierten Früchten, ölig, harmonisch, lagerfähig.

Provins führt den hier abgebildeten "Amigne douce de Vétroz AOC". Seine Eigenschaften werden so geschildert: Kleine Früchte, in Richtung Walderdbeermarmelade und Holunderblütensirup. Im Geschmack von fruchtiger Süsse, wie Samt und Seide.

Amigne-Weine passen hervorragend zu Kuchen, Desserts oder einem alten, salzigen Gruyère-Käse, zu Foie gras. Sie können bis zu 10 Jahre gelagert werden und sollten mit einer Temperatur von 9-10 oC serviert werden.

 

Die Bedeutung der alten Rebsorten

Die alten Rebsorten hatten bis in das letzte Jahrhundert dank ihren Eigenschaften grosse Bedeutung. Das sind die hohe Ertragsmenge, späterer Austrieb, die Widerstandsfähigkeit, der Säuregehalt, Qualität und natürlich Liebhaberei.

Um die gewaltigen Steuerabgaben (Zehnten) zur Zeit des Feudalismus erfüllen zu können, waren Rebsorten mit hoher Ertragsleistung und Ertragssicherheit wichtig. Die daraus entstandene mindere Qualität des Weins verärgerte die Obrigkeit und vielerorts wurde die Anpflanzung "besserer" Sorten verordnet. Meist mit geringem Erfolg. Schlechte Weinjahre förderten den Anbau von Massenträgern und die Beibehaltung des Mischsatzes. Später Austrieb war oft ein Garant für Ertrag. Bei Neuanlagen von Weinbergen wurden Sorten mit besserer Widerstandsfähigkeit gegenüber Traubenwickler und Stiellähme bevorzugt. Säurebetonte Rebsorten machten den Wein haltbarer und konnten zur Entsäuerung mit Wasser verdünnt werden. Manche Sorten bürgten für Qualität, wie der Gelbhölzer in Gimmeldingen/Neustadt, der mit Spätburgunder und Trollinger verschnitten einen berühmten Tropfen lieferte, der Orleans im Rheingau, der wegen der Dauerhaftigkeit und Stärke des Weines sogar im Reinsatz vorkam, der Gänsfüsser um Neustadt/Pfalz, wo sein Anbau durch den Pfalzgrafen Johann Kasimir verordnet wurde. Tafeltrauben für den Eigenbedarf zierten Häuserwände und Höfe und als Pergola die Gärten. Für die Orangerien der Adelshäuser waren sie äusserst begehrt und füllten ganze Gewächshäuser.

Heute noch existierende alte Rebsorten sind robust. Sie überlebten in den letzten Jahrhunderten ohne Pflanzenschutz und ohne Mineraldüngung. Viele Winzer sind bei Verkostungen überrascht von den Weinen die aus Rebsorten stammen, deren Namen sie noch nie gehört haben.

Aus der Kreuzung der bedrohten Sorte Heunisch - eigentlich ein Massenträger mit bescheidener Weinqualität -   mit dem qualitätsbetonten Pinot / Burgunder sind mindestens 16 Rebsorten hervorgegangen. Dazu zählen die heute Top gesetzte Chardonnay, die Blaue Gamay und die Auxerrois. Die Auxerrois ist vor allem in Frankreich im Elsass (wo sie oft mit Pinot Blanc verschnitten wird und auch im Edelzwicker vorkommt) und an der Loire sowie in Luxemburg verbreitet.

Heunisch und Burgunder sind eigentlich in ihren Erbanlagen sehr verschieden. Die Kreuzung entfernter Rassen (Heterosis oder Bastardwüchsigkeit) hat aber schon viele besonders gute Zuchtergebnisse hervorgebracht.    

Durch Kreuzung von Heunisch und Traminer ist die Sorte Österreichisch-Weiss und durch weitere natürliche Kreuzungen Elbling, Riesling und Silvaner entstanden.

Folgende Synonyme für Heunisch sind bekannt: Absenger, Bauernweinbeer, Bettschisser, Braune Hunnentraube, Gouais Blanc (in Frankreich), Grobheunisch, Gwäss (in der Schweiz mit einem gleichnamigen Wein), Heinsch, Hentschler, Heunschlir, Hinschen, Hintsch, Hunsch, Hünschene, Hunschrebe, Weisser Heunisch. Es handelt sich nicht immer um die genau gleiche Rebsorte, sondern grossteils um verschiedene Varietäten. Die Rebsorten-Bezeichnung Heunisch stammt aus dem frühem Mittelalter und benennt nicht eine einzelne Sorte, sondern eine Population (Familie).